tacker.org


W23 Verweigerung

26.09.2002

Vorwort

Wie in meiner Vorstellung bereist erwähnt, hatte ich 1999 vor an einem Auslandseinsatz der Bundeswehr teil zu nehmen. Das habe ich mir dann aber schnell anders überlegt. Die Gründe dafür habe ich in der folgende Verweigerung ausführlich zusammen getragen.
Die Verweigerung wurde von meinem Kompaniechef anstandslos angenommen.

Verweigerung

An den KpChef der PzPiKp 550

Hiermit beantrage ich meine Zurückstellung von der Verwendung für Auslandseinsätze der Bundeswehr, für die ich mich mit meiner Unterschrift am 20.02.1999 bereit erklärte.

Diesen Antrag möchte ich folgendermaßen begründen:

Seit der Unterzeichnung der Erklärung (am 20.02.1999, dem Tag meiner Musterung), in der ich angebe, dass ich bereit bin, meinen Grundwehrdienst um 13 Monate zu verlängern und damit der Teilnahme an besonderen Auslandsverwendungen zustimme, hat sich für mich und an meiner Sichtweise der Auslandseinsätze der Bundeswehr vieles verändert.

In letzter Zeit habe ich mit großer Aufmerksamkeit die Berichte über den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo verfolgt. Die Berichte über Massenhinrichtungen und -gräber, Minen- und Folteropfer machen mich sehr nachdenklich. In meinem Leben habe ich sicherlich schon eine Menge Tote und Verstümmelte auf Fotos und in Filmen gesehen, doch war ich davon nie so tief betroffen und geschockt wie mit der wirklichen Konfrontation mit einem Toten. Ich erinnere mich noch gut an den Tod meines Großvaters. Damals war die Nachricht über seinen Tod lange nicht so erschütternd, wie der Anblick des Leichnahms. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen, die Trauer über den Verstorbenen und diese schwere, beklemmende Atmosphäre bereiteten mir damals einige Alpträume. Vor über einem halben Jahr war ich mir auch noch nicht so ganz bewußt, dass mir diese Situationen auch während eines Auslandseinsatzes begegnen werden, nur mit einer wesentlich höheren Häufigkeit und Brutalität. Und diese Begegnungen mit Gewalt und deren Opfer hat bekanntermaßen viele Soldaten nachträglich beeinflußt und verändert. Sicherlich gibt es Aufgaben im Einsatz, die nicht an der vordersten Front des Geschehens stattfinden. In einer Pionier-Einheit wird es kaum vorkommen, dass ich einen Kameraden während einer Hausdurchsuchung durch einen verborgenen Feind verlieren werde, weil dies nicht unsere Aufgabe ist. Dafür haben wir als Pioniere aber umso mehr mit einem ebenso grausamen und unbarmherzigen Feind zu tun: Minen. Es gehört sicherlich zu den größten Schockerlebnissen, wenn neben einem ein Kamerad durch eine feindliche Mine zerfetzt wird, mit dem man sich gerade noch über schöne Nachrichten von zu Hause unterhalten hat. Ich möchte mir dieses oder ähnliche Erlebnisse unbedingt ersparen, auch wenn es unwarscheinlich ist; ich kenne die verschwindend geringen Opferzahlen unter deutsche Soldaten. Doch muß es nicht der eigene Kamerad sein. Was ich immer mit Auslandseinsätzen verbinde sind die Bilder derjenigen, die am wenigsten Schuld an der Situation haben. Bilder der Kinder, die Opfer eines sinnlosen und unmenschlichen Vorhabens wurden. Diese Erlebnisse mögen Einige verkraften, weil sie ihnen nicht nahe gehen oder weil sie schon abgestumpft genug sind. Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage bin und ich möchte auch nicht mein Gefühl für Leid und Schmerz Anderer und meiner selbst verlieren.

Anfang des Jahres habe ich auch noch etwas anders über die möglichen Konsequenzen eines Auslandseinsatzes gedacht. Meine Entscheidung damals basierte auf der Überlegung, dass ich im Auslandseinsatz meinen Teil zur Sicherung des Friedens in Europa und vor allem in den angrenzenden Staaten beitragen kann, dies für eine ordentliche Bezahlung und in einem spannenden Umfeld. Über die potentielle Lebensgefahr sowie die psychische Belastung und deren Folgen habe ich mir aber damals leider noch zu wenig Gedanken gemacht, ich hatte durch Abitur und anderweitigere Fortbildungen zu wenig Zeit. Auch die Beziehung zu meiner Verlobten hat die Sicht über meine persönliche Rolle und Existenz stark verändert. Natürlich war mir von Anfang an klar, dass ein Auslandseinsatz für jeden Soldaten vollen Einsatz bedeutet und damit ist auch der, falls unbedingt erforderlich, Einsatz des eigenen Lebens zur Erfüllung des Auftrages oder zum Schutze der eigenen Kameraden gemeint. Damals war das für mich einleuchtend, das sollte mir der Frieden und die Stabilität in Europa wert sein. Doch heute sind bei mir viele Zweifel an dieser Einstellung enstanden, andere Gesichtspunkte sind mir weit wichtiger geworden. Warum sollte ich wegen einem Konflikt mein Leben lassen, mit dem ich nichts zu tun habe, der weder von mir, noch der Regierung der BRD verursacht wurde? Warum sollte ich für etwas sterben, dass so sinnlos ist, dass es nicht mal von den vernünftigen Argumenten unserer und anderer Diplomaten gelöst werden kann? Somalia, Sarajevo und Kosovo waren und sind Konflikte die grundlegend auf ethnischen Unterschieden und Konflikten basieren. Warum sollte ich meinen Kopf für die Intoleranz Anderer hinhalten? Viel wichtiger sind für mich inzwischen vor allem meine Beziehung zu meiner Verlobten und meine Arbeit und Kreativität als selbstständiger Web-Designer, dies ist für mich der Ausdruck meiner Persönlichkeit, nicht der Kampf in einem fremden Land für die temporäre Beilegung eines Konfliktes dessen späteres Wiederaufflammen meistens schon vorprogrammiert ist. Und darin sehe ich einen Widerspruch zu den mir, als Soldat der Bundeswehr, auferlegten Pflichten. Denn §7 des Soldatengesetztes beinhaltet die Tapferkeitspflicht, welche besagt, dass im Frieden wie im Krieg die Überwindung der Furcht vor persönlicher Gefährdung bei Erfüllung des dienstlichen Auftrages gefordert ist. Diese Überwindung würde bedeuten, dass ich bereit wäre, auf Teile meiner selbst zu verzichten. Ich bin sicher, dass ich im Ernstfall zögern würde um zu überlegen, ob es jetzt in diesem Augenblick an der Zeit ist, meine Gesundheit oder gar meine Existenz zur Erfüllung meines Auftrages zu riskieren. Dies bedeutet, dass ich im Ernstfall nicht mit vollen Einsatz meine mir zugewiesene Aufgabe erfüllen und das Leben meiner Kameraden schützen kann, da meine Gesundheit und Unversehrtheit, besonders im Hinblick auf meine Beziehung, immer im Vordergrund stehen wird. Ich möchte aber niemals in die Situation kommen am Tod Anderer Schuld zu sein.

Dies ist auch ein weiterer Punkt, der für mich sehr belastend ist. Der Kampf mit der Waffe, der Umgang mit einem Tötungswerkzeug. Bei der Ausbildung am G36 habe ich mit einem leichten Schaudern festgestellt, wie leicht und einfach der Umgang mit dieser Waffe ist. Selbst auf große Entfernungen trifft ein unerfahrener Schütze, wie ich einer bin, spielend leicht das Ziel. Einfach abdrücken. Und dies gibt mir zu denken. Uns wird bei der Bundeswehr beigebracht, ruhig und sicher unseren Feind zu bekämpfen. Doch wer bestimmt, wer Feind ist? Der Vorgesetzte, der befiehlt zu schießen? Sind nicht auch als feindlich deklarierte Soldaten in der selben Situation wie wir? Haben wir nicht dieses Jahr im Kosovo gesehen, wie sich Feindbilder ganz schnell verändern können? Die KFOR-Truppen kämpften gegen das Regiem von Slobodan Milosevic, das mordend und vergewaltigend die Kosovaren bedrohte. Nach Beendigung der Kämpfe waren es dann die Kosovo-Albaner, die, wohl auch zum Teil aus Rache, die gleichen Verbrechen an der zurückgebliebenen serbischen Bevölkerung begingen. Wer sind die Besseren? Gewalt ist sicher in einigen Fällen die einzig letzte Lösung. Doch können meiner Meinung nach zu viele Fehler passieren oder Fehlentscheidungen getroffen werden. Und Fehler, die Menschlenleben fordern, kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Besonders in der aktuellen Situation muß man sich schnell entscheiden ob diese Person, die da mit einem Kinderwagen auf einen zukommt, eine schutzsuchenden Mutter mit ihrem Kleinkind ist, oder eine fanatische Attentäterin. Ich könnte einen Menschen nur dann verwunden oder gar töten, wenn ich mir mit 100-prozentiger Sicherheit darüber im Klaren wäre, dass meine Maßnahme jetzt gerechtfertig ist. Doch wer kann mir diese Sicherheit geben? Niemand. Dass muß ich von Situation zu Situation selbst entscheiden. Dazu werde ich ja eigentlich ausgebildet. Trotzdem kann ich mir niemals wirklich sicher sein (außer natürlich in Fällen, in denen offensichtlich eine Gefahr für mein Leben durch einen Angriff besteht). Ich maße mir nicht an, über das Leben eines Anderen entscheiden zu dürfen. Und diese Entscheidung kann sehr schnell fallen; wird uns nicht als Soldaten antrainiert, im Ernstfall schnell und ohne groß nachzudenken zu reagieren? Kann es da nicht vorkommen, dass ich mich gegen ein vermeintliches Ziel verteidige, das mich überrascht hat und das ich für eine Gefahr halte, obwohl dem doch nicht so ist? Ich denke, dass ich mich in solchen Situationen oft irren kann; Irrtümer in solchen Situationen haben meist fatale Folgen. Und was ist mit menschlichen Fehlern im Umgang mit Waffen? Im Einsatz sind wir den ganzen Tag im Umgang mit scharfen Waffen. Dort kann ein kleiner Fehler, eine kurze Unachtsamkeit fatale Konsequenzen haben. Diese konnte ich schon am eigenen Leib erfahren. Bei unserem BIWAK wollte ich beim Ausbauen unserer Stellung einen Probeanschlag machen. Beim “in Stellung gehen” hat sich aus meinen G36 ein Salve Schüsse gelöst. Unbeabsichtigt hatte ich die Waffe falsch angefasst, dabei den Abzug betätigt. Bei den Arbeiten vorher hatte sich der Sicherungshebel verstellt. Hätte ich in diesem Moment scharfe Munition in der Waffe gehabt, könnten ich oder mein Kamerad, der weniger als einen Meter neben mir kniete, tot sein; und eine Kugel fliegt bekanntermaßen ein wenig weiter als nur einen Meter. Diese Erfahrung gibt mir sehr zu denken. Natürlich ist mir klar, dass ich im Auslandseinsatz weit besser im Umgang mit meinen Waffen geschult bin, dass sich der sicherheitsbewußte Umgang automatisiert hat, doch Fehler kann ich von meiner Seite nie ausschließen, auch wenn man noch so vorsichtig ist.

Das oben genannte sind alles Faktoren, die es mir erheblich erschweren, eigentlich unmöglich machen, mit vollem Engagement an einem Auslandseinsatz der Bundeswehr teilzunehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit diesen Konflikten ein halbes Jahr, in einer täglich stressigen Situation, meine Aufgaben im Dienst der Bundeswehr wahrnehmen und ausführen kann. Ich habe in der AGA beim 6./FartBtl 295 festgestellt wie anstrengend es ist, jeden Tag aufs Neue körperlich belastet zu werden. Die Ruhepausen am Wochenende sind für mich unbedingt von Nöten. Im Ausland ist diese Belastung sicherlich ähnlich, nur um einiges größer und die Pausen und Möglichkeiten der Erholung um einiges kleiner. Vor allem die psychische Dauerbelastung, die Trennung von zu Hause, die fehlende Abwechslung; für Einige sicherlich kein Problem, doch ich glaube nicht, dass ich den Anforderungen entspreche, die diese Aufgabe mit sich bringt. Ich denke da nicht nur an mein eigenes Wohlergehen (hier berufe ich mich auch auf mein Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit) sondern vor allem an meine Kameraden, die sich vor allem im Auslandseinsatz auf mich hundertprozentig verlassen können müssen.

Ich hoffe ich konnte Ihnen die Bedeutsamkeit dieses Antrages für mich übermitteln und schließe

mit freundlichen Grüßen

Markus Tacker, Pi

26
09
2002

Kommentare 1 | Permalink

Kategorien > Allgemeines

Lesezeichen > Als Lesezeichen bei Digg abspeichern Als Lesezeichen bei del.icio.us abspeichern Als Lesezeichen bei MisterWong abspeichern Als Lesezeichen bei Technorati abspeichern

 

nächster > Logos

voriger > m.tacker.org online

Dein Kommentar





Kommentare

Kommentare als RSS

Markus Althoff, Fw Kommentar

6. März 2004 | 10:35

Servus Tacker, ich denke du kennst mich nicht mehr, aber wir waren September ‘99 zusammen in der AGA. Kannst dich ja mal melden wenn du Lust hast. Ich halte es nicht für gut, das du deine ganzen dienstlichen Sachen im Internet breittrittst.

Markus TackerÜber

Markus Tacker ist professioneller Webentwickler aus Offenbach am Main, Deutschland.

Der Schwerpunkt seiner Tätigkeiten ist die Entwicklung von browserbasierten Anwendungen in PHP.

Kontakt

Markus Tacker
Senefelderstr. 63
63069 Offenbach
(0 69) 83 83 57 73
(0 32 21) 1 14 32 97

mehr

Tanja-Counter

http://m.tacker.org/blog/932.w23-verweigerung.html